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PA_33-34 - Gestärktes Selbstbewusstsein

14 RUSSLAND Das Parlament - Nr. 33-34 - 10. August 2015 Eine unheilige Allianz KIRCHE Die Orthodoxie ist mächtigster Pfeiler von Putins Neurussland-Ideologie Die Kathedrale in Orsk, fast schon an der kasachischen Grenze, war lange Zeit eine Steinruine. Die Menschen brachten über Jahre hinweg Abfall hierher. Wen ging da ein Gotteshaus auf einer Erhebung im asia- tischen Teil der Stadt etwas an? Wen inte- ressierte schon die Religion? Die kommu- nistische Ideologie hatte schließlich den Atheismus befohlen; lediglich einige Pries- ter schafften es, im Untergrund zu taufen, zu verheiraten, die Liturgie zu lesen. Zwi- schen 1918 und 1939 ließ das sowjetische Regime etwa 40.000 Geistliche hinrichten. Der sowjetische Bürger, so lautete die Staatsdoktrin, brauche kein Erlösungsver- sprechen für das Jenseits. „Der Platz um die Kathedrale war einfach eine riesige Müllhalde, man mied ihn, es stank bestia- lisch“, sagt die 37-jährige Julia in Orsk. Nun will die Kindergärtnerin genau hier heiraten. Ein zweites Mal. „Richtig, in der Kirche, vor Gott.“ Bei der Hochzeit vor 19 Jahren sei „an so etwas“ nicht zu den- ken gewesen; jetzt will sie ihr damaliges Ja- Wort bekräftigen. Die Hinwendung zum Glauben, die Suche nach Halt in der Kir- che steigt in Russland genauso rasant, wie sich der einst vermüllte Platz auf dem Ors- ker Berg in einen Vorzeigeort verwandelt hatte. Hier stinkt es längst nicht mehr, die Kathedrale ist wieder aufgebaut worden. „1894“ steht in leuchtendem Weiß über dem Eingang, auch wenn das Gebäude erst 1994 sein neues Antlitz bekam. »Russische Werte« In die Kirche geht Ju- lia nur selten, ihr Mann Sascha nahezu nie. Auch das Altkirchenslawische, diese Versi- on der alten russischen Sprache, die heute die Messen in den russischen Kirchen prägt, verstehen sie kaum. Und doch seien sie „überzeugte russisch-orthodoxe Chris- ten“, sagen sie – wie knapp 80 Prozent al- ler Bürger Russlands. Denn Russe sein heißt für viele im Land auch automatisch russisch-orthodox zu sein. Religion wird als nationale Tradition verstanden, ohne wirklich gelebte Alltagsreligiosität, mag auch so mancher eine Ikone in Spielkar- tenformat im Portemonnaie haben. Der Staat weiß das zu nutzen. Vor allem unter Wladimir Putin ging der Kreml nach und nach eine Allianz mit der russisch-or- thodoxen Kirche ein; mittlerweile sind sie so eng miteinander verwachsen wie zuletzt im Zarenreich. Beide setzen auf traditio- nelle „russische Werte“: Vaterlandsliebe und die Treue zur Familie. Die Kirche hilft, das Vakuum zu füllen, das nach dem Zer- fall der Sowjetunion entstanden war. Sie hat längst die Rolle der konservativen mo- ralischen Instanz übernommen und setzt auf die „Symphonie zwischen Kirche, Staat und Gesellschaft“, auch wenn das Land im Artikel 14 der russischen Verfassung als sä- kulär bezeichnet wird. Kirill, Russlands oberster Patriarch, wird von Kritikern im Land seit langem „Moral- minister des Kreml“ genannt. Im Präsi- dentschaftswahlkampf hatte er Putin als „Werk Gottes“ bezeichnet, bereits sein Vor- gänger Alexij hatte Panzer für den Tsche- tschenien-Krieg gesegnet. Bei wichtigen po- litischen Anlässen nimmt der Patriarch ne- ben Staatsmännern Platz. Die Kirche gilt als Garant des Zusammenhalts; Kirill lan- det in Umfragen nach der vertrauenswür- digsten Person im Land direkt hinter dem Präsidenten. Die Orthodoxie ist mittlerwei- le zum mächtigsten Pfeiler von Putins im- perialer Neurussland-Ideologie geworden, die Kirche zur Bühne für traditionsbewuss- ten Nationalismus. Inna Hartwich T Die Autorin, 2010 bis 2013 in Moskau, arbeitet mit Schwerpunkt Osteuropa als freie Journalistin in Berlin. Weiterführende Links zu den Themen dieser Seite finden Sie in unserem E-Paper Tschuwasche und Russe zugleich VÖLKER Mehr als 170 ethnische Minderheiten, aber keine klare Minderheitenpolitik Es war an einem Herbsttag, als sich Sergej Mironow, zu der Zeit noch Vorsitzender des russischen Föderationsrates, des soge- nannten Oberhauses des russischen Parla- ments, in die künstliche Welt von „Ethno- mir“ nahe der Stadt Kaluga begab, kaum 200 Kilometer von der Hauptstadt ent- fernt. Hier stehen Holzhäuser, Zelte, Kir- chen, hier huschen Frauen in bunten Klei- dern vorbei, backen Männer salziges Brot. Ein Freizeitpark, der erklärt, was das denn für Völker sind, die im großen, weiten Russland leben. Folklore inbegriffen. Miro- now hatte Priester und Imame um sich ver- sammelt, Tataren und Baschkiren eingela- den, und sich mit ihnen an einen Tisch ge- setzt. „Wir müssen über die Minderheiten in unserem Land reden“, hatte er erklärt und gefordert: „Es muss eine klare Minder- heitenpolitik her.“ Zählweise differiert Vier Jahre ist das her, Mironow ist längst kein Vorsitzender des Föderationsrates mehr. Und eine klare Minderheitenpolitik gibt es in Russland bis heute nicht, auch wenn im Land bis zu 172 Völker und ethnische Gruppen leben, die Zählweise differiert von Statistik zu Sta- tistik. „Außer in unserer Verfassung werden praktisch in keinem Gesetz unseres Landes ethnische Minderheiten erwähnt“, sagt der Ethnologe Sergej Sokolowski von der Aka- demie der Wissenschaften in Moskau. Un- ter „Minderheiten“ versteht er, wie andere Wissenschaftler auch, Völker, die weniger als 50 Prozent der Einwohner eines Landes ausmachen. Zu groß ist die Angst, ethnischen Minder- heiten eine zu umfangreiche Autonomie zu gewähren. Der Zusammenhalt des größ- ten Flächenstaates der Erde hat für die Füh- rung in Moskau bis heute unbedingten Vorrang. Auch wenn es durchaus mehr als 20 nationale Republiken für spezielle eth- nische Minderheiten gibt, mehrere autono- me Regionen und einen autonomen Kreis. Doch wenn etwa Schulen für Minderhei- tensprachen öffneten, sei das Schulmateri- al oft ein Problem, sagt Sokolowski. „Wenn tschuwaschische Kinder in einer Klasse sitzen und manche von ihnen von Haus aus Tschuwaschisch sprechen, andere aber kein Wort davon können, wissen viele Lehrer nicht, wie sie eine solche Klasse auf Tschuwaschisch unterrichten sollen.“ Vor allem Dekor Zudem ist Russisch seit den Sowjetzeiten, die einen neuen, fort- schrittlichen Menschen hervorbringen und alles Religiöse, Kleinbäuerliche und Noma- denhafte als Überbleibsel früherer Zeitalter verdammen sollten, die Sprache der Büro- kratie und hat daher Vorrang vor allen an- deren Sprachen. Allerdings erlaubt das Russische auch, zwischen ethnischen Rus- sen („russki“) und Russen als administrati- ver oder geografischer Bezeichnung („ros- sijski“) zu unterscheiden. So ist jeder Nen- ze, jeder Jakute, Tschetschene, Balkare oder Udmurte gleichzeitig auch Russe. Die Poli- tik sieht ihre Kulturen vor allem als Dekor, ausgestellt in Parks wie dem „Ethnomir“ bei Kaluga. Inna Hartwich T Fest slawischer Kultur im „Ethnomir“ ©picture-alliance/RIANovosti/VladimirPesnya Gestärktes Selbstbewusstsein ISLAM Christlich-orthodoxe Russen und die islamische Bevölkerung sind eng miteinander verflochten W eithin sichtbar be- herrscht schon seit etlichen Jahren die Kul Sharif-Moschee den Kreml von Ka- san und die Ver- kündigungs-Kathedrale. Die Muslime die- ser Stadt an der Wolga – Hauptstadt der Autonomen Republik Tatarstan – empfan- den und empfinden bis heute eine nicht geringe Genugtuung darüber, dass sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion diesen islamischen Kultbau an geschichts- trächtiger Stätte errichten konnten, denn die muslimischen Tataren von Kasan wa- ren im Jahre 1552 von Zar Iwan IV., „dem Schrecklichen“, besiegt und unterworfen, ihre Herrschaft beseitigt worden. Mit diesem Sieg begann Russlands Expan- sion in muslimische Regionen hinein, es dehnte sich nach Astrachan und in das Khanat von Sibir jenseits des Urals aus. Zu- vor freilich hatte die Goldene Horde (Altin Urda) im Namen der Nachkommen Dschingis Khans lange über die christli- chen Russen geherrscht; es war eine zum Islam übergetretene turko-mongolische Reiter-Aristokratie, die bis zu ihrem Zerfall im 14. Jahrhundert die Russen beherrschte. Bis heute sind christlich-orthodoxe Russen und Muslime – die meisten von ihnen tür- kischer Abstammung – eng miteinander verflochten. Dem „Tatarenjoch“, von dem die Russen sprechen, stehen auf der ande- ren Seite Verfolgung und Diskriminierung, aber auch Assimilation gegenüber: Etwa ein Viertel der russischen Adelsfamilien soll tatarisches Blut in sich tragen. 15 Prozent Im heutigen Russland mit sei- nen insgesamt rund 144 Millionen Ein- wohnern dürften nach Schätzungen min- destens 15 Prozent Muslime leben; allein in der Hauptstadt Moskau soll ihre Zahl bei mehr als einer Million liegen, mögli- cherweise sind es sogar mehr. Die beiden blutigen Tschetschenien-Kriege zwischen 1994 und 2009 haben deutlich gemacht, wie sehr das „muslimische Erwachen“, wie sehr vor allem der islamistische Terror von außen auch für Russland wieder zu einem politischen Problem geworden ist – ein Er- be der Vergangenheit, das in vielem unbe- wältigt geblieben ist. Aus Sicht vieler Muslime erscheint Russ- land als das letzte verbliebene Kolonial- reich, mit dem Unterschied, dass es sich – anders als das englische, französische, spa- nische, portugiesische oder niederländi- sche – als kompakter territorialer Block auf der riesigen eurasischen Landmasse er- streckt, nicht jenseits von Meeren oder Ozeanen. Das „Sammeln“ muslimischer Untertanen setzte sich im Jahre 1783 fort, als unter Katharina der Großen das Khanat der Krim-Tataren zerschlagen wurde. Auch sie waren – unter der Dynastie der Giray – Nachfolger der Goldenen Horde, später dann Vasallen der Osmanen gewesen. Im 19. Jahrhundert verstärkten die Russen ihre Eroberungen muslimischer Territorien: einmal in Richtung Kaukasus und Trans- kaukasien, dann nach Mittelasien hinein, nach Transkaspien. Gegen Ende des 18. Jahr- hunderts begann der Drang in Richtung Kaukasus. Ih- ren Höhepunkt fand die Entwicklung zwischen 1829 und 1859, als die za- ristischen Truppen in ei- nem endlos langen und verlustreichen Krieg die kaukasischen „Bergvölker“ endgültig in die Knie zwan- gen. Unter ihrem Imam, dem charismatischen Awa- ren Schamil, hatten sie ei- nen heroischen, doch auch blutigen Wi- derstand geleistet, der sogar den Englän- dern im fernen Westeuropa Respekt abnö- tigte. Mit der Niederlage Schamils wurden die kleinen Kaukasus-Völker – zu denen freilich auch Christen gehörten – bis nach Dagestan hinein endgültig in das Zaren- reich eingegliedert. Und dies galt auch für die muslimischen Baschkiren im Gebiet von Ufa, für Kasachen, Kirgisen, Usbeken, Tadschiken und andere muslimische, nach Millionen zählende Völker Mittelasiens, die spätestens seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhundert in Russland „integriert“ wurden. Schlüsselfigur dabei war der Ge- neral Konstantin Petrowitsch von Kauf- mann, der im eroberten Taschkent erster Generalgouverneur dieser Region wurde. Parallel dazu flüchteten viele westkaukasi- sche Muslime, wie die Tscherkessen, Ab- chasen, Balkaren oder Kabardiner, in das Osmanische Reich zu ihren türkischen Brüdern. Bis heute leben Millionen Nachkommen vormals „russischer“ Muslime in der Türkei. Nach dem Zusammen- bruch des Zarenreiches ver- suchten die Muslime Russ- lands, den kommunisti- schen Bolschewiki ihre Un- abhängigkeit abzutrotzen. Es kam zu den sogenann- ten Basmatschen-Aufstän- den, die freilich scheiter- ten, da die muslimischen Kräfte der Roten Armee nicht gewachsen waren. In der Sow- jetunion wurde der Islam unterdrückt; als Ideal galt der „Sowjetmensch“, für den Re- ligion oder auch ethnische Zugehörigkeit nicht mehr zählen sollten. Stalin ließ zu Beginn der 1940er Jahre Krimtataren, doch auch viele Kaukasier, etwa Mescheten, Tschetschenen und Inguschen, nach Mit- telasien deportieren, weil sie mit Hitlers Truppen fraternisiert haben sollten. Erst unter Chruschtschow, das heißt seit 1956, konnten sie in ihre Regionen zurückkehren und wurden rehabilitiert. Die heutige Si- tuation der Krimtataren nach der Annexi- on der Krim durch Russland gestaltet sich nun wieder problematisch. Fast 100 islamische Völker In ihrem 1983 erschienenen Standardwerk „The Muslim Peoples of the Sowjetunion“ listet die Autorin Shirin Akiner annähernd 100 muslimische Völker auf. Nachdem sich Ka- sachen, Kirgisen, Turkmenen, Tadschiken und Usbeken 1992 im Rahmen der GUS- Staaten für unabhängig erklärt hatten, ist die Zahl der Muslime in Moskaus Reich ge- sunken, doch die prekäre Lage – die bei- den Tschetschenien-Kriege zeigten es – ist geblieben. In Tschetschenien, wo der Ter- ror am heftigsten war, herrscht heute unter seinem moskautreuen Präsidenten Ramzan Kadyrow, dem Sohn des ermordeten Muf- tis Ahmet Kadyrow, eine gespannte Ruhe, mit der Russlands Staatschef Wladimir Pu- tin aber leben kann. Doch das Selbstbe- wusstsein der muslimischen Bevölkerung in Russland ist gewachsen – nicht nur in Tatarstan, das enge Beziehungen mit der Türkei unterhält und auf seine autonomen Rechte großen Wert legt. Kasan gilt vielen als die heimliche Hauptstadt der russi- schen Muslime. Wolfgang Günter Lerch T Der Autor lebt als freier Journalist in Neu-Isenburg. Blick auf die beherrschende Kul Sharif-Moschee in Kasan, der an der Wolga gelegenen Hauptstadt der Autonomen Republik Tatarstan. Die Stadt gilt vielen als Zentrum russischer Muslime. © picture-alliance/GES-Sportfoto Mindestens 15 Prozent der Einwohner Russlands dürften Muslime sein.

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