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PA_20-21 - Wo der Pudding billig ist

Das Parlament - Nr. 20-21 - 11. Mai 2015 IM BLICKPUNKT 9 Berlin erlebt eine Renaissance jüdischen Lebens. Im Dezember 2014 wurde am Brandenburger Tor ein Chanukka-Leuchter aufgebaut. Das Holocaust-Mahnmal (rechts) erinnert die jungen Leute an die Schrecken der Vergangenheit. © picture-alliance/dpa/Geisler-Fotopress Wo der Pudding billig ist DEUTSCHLAND UND ISRAEL Viele junge Israelis finden in Berlin eine neue Heimat und stellen sich den Fragen der Vergangenheit Y oav Sapir ist Teil eines Phä- nomens, das weiß er. Er hat sich diese Rolle nicht ausge- sucht, „aber es ist okay“, sagt der 36jährige Übersetzer mit einem Grinsen. Sapir ist Is- raeli – eingewandert nach Berlin. Diese Be- völkerungsgruppe steht im Blickpunkt der medialen Öffentlichkeit, obwohl die Zahl der Israelis in der deutschen Hauptstadt eher gering ist, wie Sapir meint. Das sei schon ein wenig rätselhaft. Wie viele Israelis tatsächlich an der Spree le- ben, ist dabei nicht ganz klar. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zählt 3.578 israelische Staatsbür- ger und 2.187 Deutsche mit israelischem Pass. Wie viele Israelis mit anderen EU-Pässen in der Stadt le- ben, wird nicht erfasst. Gerade erst hat die Sozial- anthropologin Dani Kranz von der Bergischen Univer- sität Wuppertal für die Ber- telsmann Stiftung eine Stu- die mit dem Titel „Israelis in Berlin“ vorgelegt und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Ihren Zählungen nach leben ungefähr 11.000 Israelis in Berlin. Auch Kranz hat sich gewundert, warum de- ren Zahl offenbar so überschätzt wird, und meint: „Israelis werden in Deutschland an- ders wahrgenommen als andere Immigran- ten, einfach weil das Verhältnis zu Israel aufgrund der gemeinsamen Geschichte ein anderes ist.“ Sei Hebräisch auf der Straße zu hören, reagierten viele Deutsche darauf an- ders als auf Englisch, Spanisch oder Pol- nisch; es löse einfach mehr Aufmerksamkeit aus. „Außerdem sind viele israelische Tou- risten in der Stadt, auch das nährt den Ein- druck einer besonders großen Community.“ Berlin ist günstig Dass die israelische Ge- meinschaft in Berlin so stark wahrgenom- men wird, liegt auch an Zufällen: Als im Sommer 2014 ein Israeli über ein soziales Netzwerk im Internet seine Landsleute zur Auswanderung nach Berlin aufrief, weil hier der Schokopudding so preiswert sei, löste das eine immense Welle der Berichterstat- tung aus – auch weil der damalige israeli- sche Finanzminister Yair Lapid seinerseits via Internet schimpfte, der junge Mann sei ein „Antizionist“ und so die Debatte an- heizte. Auch wenn die Diskussion inzwischen wie- der abgeflaut ist – der Initiator ist nach Isra- el zurückgekehrt – machte sie doch über- spitzt auf den häufigsten Grund der Aus- wanderung nach Berlin aufmerksam. „Es sind in aller Regel wirtschaftliche Gründe“, sagt Sapir. Und auch Ilian Weiss, Versiche- rungsmakler israelischer Herkunft, sagt klar: „Die, die hierher kommen, wollen einfach ein besseres Leben.“ In ihrer Heimat seien die Preise für Lebensmittel und Wohnungen hoch, dazu kommen die ständige Be- drohungslage und die poli- tische Anspannung. Und Berlin bietet – mediale Übertreibungen hin oder her – ein großes israelisches Netzwerk, das es den Neu- ankömmlingen erlaubt, sich gut zurechtzufinden und ein bisschen Heimat in der Fremde zu erleben. Es gibt Restaurants und Läden für israeli- sches Essen, Kindergärten, Schulen und Spielgruppen, in denen Hebräisch gespro- chen wird, regelmäßige „Meschugge Partys“ mit israelischen DJs und seit 2012 sogar ein hebräisches Stadtmagazin mit dem Titel „Spitz“. Jung und gebildet Der größte Teil der Ver- netzung findet über das Internet statt, vor allem über die von Ilian Weiss ins Leben ge- rufene Plattform „Israelis in Berlin“. Dort findet Hilfe, wer nach seiner Ankunft alles über die richtige Krankenversicherung oder den Umgang mit Behörden herausfinden müsse oder Tipps brauche, wo man günstig wohnen könne und wie man einen guten Job finde. Wenig Kontakt haben die israelischen Neu- Berliner dagegen zu den jüdischen Gemein- den, die von Kontingentflüchtlingen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ent- scheidend geprägt werden. „Sie empfinden sich als eine ganz andere Art von Juden“, er- klärt Weiss, „ihre Sozialisation in Israel un- terscheidet sich einfach gravierend von der der meisten Gemeindemitglieder.“ Das deckt sich mit den Forschungsergebnissen von Dani Kranz. Die, die nach Berlin kä- men, seien in der Regel jung, sehr gut gebil- det, säkular und politisch eher links orien- tiert. „Warum sollten orthodoxe Israelis auch von Jerusalem nach Berlin auswan- dern?“ Viele derer, die ihr Land verließen, seien unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Situation in ihrer alten Heimat. Umso schwieriger sei es für sie, da- mit umzugehen, dass sie häufig zu „Mini- botschaftern“ des jüdischen Staates ge- macht würden und zu israelkritischen Posi- tionen Stellung beziehen sollten. Viele der Israelis, die sie befragt habe, seien ebenfalls unzufrieden mit der politischen Führung in Israel und fühlten sich daher als komplett falsche Ansprechpartner für die Kritik. Bedeutende Fragen Doch die Israelis, die in den vergangenen Jahren nach Berlin ge- kommen sind, lassen ihre Heimat nicht ein- fach hinter sich. Das Leben in Deutschland führe zu einer für viele unerwarteten Ausei- nandersetzung mit der eigenen Herkunft, sagt Yael Kupferberg. Die Religionsphiloso- phin an der Universität Potsdam spitzt ihre Erfahrungen in einem Satz zu: Die Einwan- derer kämen als Israelis und würden in Ber- lin zu Juden. Was das heißt? „Zuerst lockt Berlin als tolle Metropole, in der man unbe- schwert leben und Party machen kann. Aber für die allermeisten kommt früher oder spä- ter der Moment, an dem sie wahrnehmen, in welcher Stadt sie nun sind.“ Nämlich da, wo von den Nazis einst die „Endlösung der Judenfrage“ geplant wurde. „Die jüdische Geschichte ist so dominant in Deutschland, dass kaum ein Einwanderer umhin kommt, sich mit seiner eigenen jüdischen Identität auseinanderzusetzen“, er- läutert Kupferberg. Das hat auch Yoav Sapir an sich bemerkt. „In Israel ist man Jude, so wie ein Fisch selbstverständlich im Wasser lebt und sich nicht fragt, was ihn da eigentlich um- gibt. Aber wenn man dann quasi auf dem Trockenen landet, merkt man, dass man anders ist.“ Doch ir- gendwann stelle sich auch wieder Normalität ein. „Ge- nau so wenig, wie ein Deut- scher jeden Tag über die Stolpersteine in Berlin stolpert oder das Ho- locaust-Mahnmal wahrnimmt, tue ich das. Man denkt nicht mehr darüber nach.“ Wo- rüber Sapir sehr wohl nachdenkt, ist das Maß an Aufmerksamkeit, das der israeli- schen Community entgegen gebracht wird. Das sei grundsätzlich natürlich gut, meint er, „aber allzu oft ist es kein wirkliches In- teresse an den Menschen, die da nach Ber- lin gekommen sind. Sie werden nicht pri- mär als Israelis, sondern als Juden wahrge- nommen. Und häufig geht es um eine Art Selbstberuhigung: Wenn wieder Juden nach Deutschland einwandern, dann ist al- les wieder gut zwischen den beiden Völ- kern.“ Nicht alles ist gut Doch davon, dass alles gut sei, spüre er nicht viel. Immer wieder höre er von Be- kannten, die angepöbelt wurden. Übergriffe vor al- lem von muslimischen Migranten auf Männer, die wegen ihrer Kippa als Ju- den erkennbar seien, beunruhigen Sapir. Auch Dani Kranz hat das beob- achtet. Wenn bei Demons- trationen judenfeindliche Sprüche gerufen würden, löse das „Irrita- tionen und Besorgnis“ aus. Nach Ansicht von Yael Kupferberg sind die israelisch stämmigen Neuberliner jedenfalls „eine riesige Chance, der deutsch-jüdisch-israeli- schen Geschichte zu einer Renaissance zu verhelfen. Jetzt können wir mit einer neu- en jüdischen Kultur mit israelischem Cha- rakter wegkommen von der Schwere, die so lange geherrscht hat. Das ist eine Rie- sensache.“ Susanne Kailitz T Die Autorin ist freie Journalistin. Das Wunder einer Freundschaft JAHRESTAG Der Bundestag erinnert an das 50-jährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen zu Israel Von einem „Wunder“ ist die Rede, von etwas „Unglaublichem“ und „Unfassbaren“ und auch davon, dass es einen „Schlussstrich“ un- ter die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit nicht geben kann: Der Bundestag hat vergan- genen Donnerstag den 50. Jahrestag der Auf- nahme diplomatischer Beziehungen zwi- schen Deutschland und Israel gewürdigt. Hoffnung Für Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist die Tatsache, dass diese Freundschaft gelingen konnte, „nicht weni- ger als ein Wunder.“ Steinmeier erinnerte an jenen „Horizont der Hoffnung“, von dem der damalige israelische Staatspräsident Schimon Peres 2010 im Bundestag sprach: Seine Hoffnung auf eine „Welt ohne Hass“ sei keinesfalls naiv, genau dies zeige die „kraftvolle Botschaft der Verständigung und Versöhnung“ zwischen Israelis und Deut- schen. Steinmeier lenkte den Blick auf die Verpflichtungen, die Deutschland daraus er- wachsen würden. Dazu gehörten das Eintre- ten gegen jeder Form von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass und auch das Eintreten für Israels Sicherheit, die „histori- sches Gebot und unverbrüchlicher Teil unse- rer Freundschaft“ sei. Steinmeier sagte dies auch mit Blick auf die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm. Am Ende werde es nur eine Vereinbarung geben, „die mehr Sicherheit für Israel bedeutet und nicht weniger“. Der Vorsitzende der Linksfraktion, Gregor Gysi, lenkte den Blick auf die lange und wechselvolle Geschichte der Ausgrenzungen des jüdischen Volkes. Über Jahrhunderte ha- be die Sonderstellung der Juden in Europa dazu beigetragen, sie zu Sündenböcken zu machen, zur „Projektionsfläche für Schuld, Versagen und gesellschaftliche Fehlentwick- lungen“. Für osteuropäische Juden sei Deutschland im 19. Jahrhundert als eines der „am wenigsten antisemitischen Länder Europas“ zu einem Einwanderungsland ge- worden. „Umso bestürzender erscheint die Machtergeifung der Nazis, die aus ihrem An- tisemitismus keinen Hehl machten.“ Unter dem Eindruck des Holocaust habe die UNO nach dem Zweiten Weltkrieg die Staatsgrün- dung Israels beschlossen: „Nur ein jüdischer Staat kann den Jüdinnen und Juden einen wirksamen internationalen Schutz vor Dis- kriminierung und Verfolgung bieten“, sagte Gysi. Heute hätten auch die Palästinenser das Recht „auf einen eigenen Staat, auf ihren internationalen Schutz“, denn sie bezahlten auch für die von Deutschen begangenen Verbrechen. „Ich wünsche mir mehr Leiden- schaft meiner Regierung im Kampf um ei- nen palästinensischen Staat“, sagte Gysi. „Das schwächt nicht unsere Beziehungen zu Israel – im Gegenteil.“ Dank Unionsfraktionschef Volker Kauder nannte die Tatsache, dass es Israelis waren, die vor 50 Jahren den Deutschen die Hand austreckten, etwas „Unglaubliches, Unfassba- res und Wunderbares“. Der Dank gelte „heu- te dem Staat Israel und den Juden, die auf das Tätervolk zugegangen sind“. Es sei „groß- artig, dass wir wieder jüdisches Leben in Deutschland haben“, sagte Kauder Aber es sei zugleich beklemmend, wenn Juden heute teilweise Angst hätten, sich hierzulande als Juden zu erkennen zu geben. Es gebe nach wie vor Antisemitismus in Deutschland – von den hier Geborenen wie von Einwande- rern. „Beides darf bei uns nicht stattfinden“, sagte Kauder. „Wir tragen Verantwortung da- für, dass jüdisches Leben in unserem Land selbstverständlich staatfinden kann. Und wir tragen auch Verantwortung dafür, dass die Erinnerung an das, was ‚Dritten Reich‘ pas- siert ist, wach bleibt.“ Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, erinnerte daran, dass Deutschland 1965, bei der Aufnahme der di- plomatischen Beziehungen „weder frei von Schuld noch frei von Schuldigen war“. Dass die deutsch-israelischen Beziehungen so in- tensiv und tragfähig geworden seien, sei auch das Verdienst von Bürgern, kirchlichen Gemeinden, von Städtepartnerschaften und Kulturprojekten und auch der Freiwilligen der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“. Aufarbeitung Göring-Eckardt bezeichnete es als „beschämend“ für Deutschland, dass im vergangenen Jahr die Zahl der antisemiti- schen Straftaten um 25 Prozent gestiegen sei. Umfragen zeigten zudem eine „erschre- ckend hohe Zahl“ derer, die einen Schluss- strich unter die Aufarbeitung deutscher Ver- brechen zu ziehen wünschten. „Ihnen müs- sen wir widersprechen.“ Nie zu vergessen – das sei keine Hypothek, sondern „das wich- tigste Erbe, das wir weiterzugeben haben“, sagte Göring-Eckardt. Achim Post (SPD) nannte 50 Jahre deutsch- israelische Beziehungen eine „Erfolgsge- schichte“. Er verwies auf die European Mac- cabi Games Ende Juli in Berlin. „70 Jahre nach dem Holocaust findet das größte jüdi- sche Sportereignis Europas in Berlin statt – auch das ist ein Sieg über Hitler und Nazi- Deutschland.“ Post mahnte, nicht nachzu- lassen im Kampf gegen Antisemiten und Rechtsradikale. „Nazis haben seit der deut- schen Einheit mehr als 150 Menschen um- gebracht.“ Es gelte, sie „mit allen Mitteln des Rechtstaates energisch“ zu stoppen. „Das sind wir uns selbst schuldig und das sind wir unseren Freunden in Israel schuldig.“ Gemeinsames Votum Im Anschluss an die Debatte stimmten die Abgeordneten fraktionsübergreifend für einen Antrag der Koalitionsfraktionen (18/4803), die die Bundesregierung unter anderem aufgefor- dert hatten, „weiterhin für die Existenz des Staates Israel und seine legitimen Sicher- heitsinteressen als ein zentrales Prinzip der deutschen Außenpolitik einzutreten“ und sich Antisemitismus „ob in Deutschland, Europa oder der Welt“ entschieden entge- genzustellen. Keine Mehrheit fand hingegen ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (18/ 4818), die sich darüber hinaus für die Fort- setzung der „notwendigen Entschädigungs- leistungen und verwandter Leistungen für die Opfer der nationalsozialistischen Verfol- gungs- und Vernichtungspolitik“ eingesetzt hatte. Alexander Heinrich T Die Wissenschaftlerin Dani Kranz hat eine Studie über „Israelis in Berlin“ verfasst. Nach ih- ren Schätzungen leben derzeit etwa 11.000 Israelis in der deutschen Hauptstadt. © Kfir Harbi Weiterführende Links zu den Themen dieser Seite finden Sie in unserem E-Paper »Die jungen Israelis kommen aus wirtschaft- lichen Gründen nach Berlin.« Yoav Sapir > STICHWORT Jüdisches Leben in Berlin > Jüdische Gemeinde Die Jüdische Ge- meinde zu Berlin hat etwas mehr als 10.000 Mitglieder. Zwei Drittel stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie sind vor allem in den 1990er Jahren nach Berlin gekommen. > Israelis Seit etwa dem Jahr 2000 nimmt die Zahl der israelischen Auswanderer zu. Umfragen zufolge zieht ein Viertel der Israelis in Betracht, das Heimatland zu verlassen; bei den Jungen ist es fast die Hälfte. Viele junge Israelis zieht es nach Berlin. »Die jüdische Geschichte ist dominant in Deutsch- land.« Yael Kupferberg

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