Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

PA_20-21 - Debattendokumentation

2 DEBATTENDOKUMENTATION Das Parlament - Nr. 20-21 - 11. Mai 2015 Prof. Dr. Heinrich August Winkler, Historiker: Sich der Geschichte zu stellen, ist ein europäischer Imperativ Heinrich August Winkler (*1938) Historiker I n der deutschen Geschichte gibt es keine tiefere Zäsur als den Tag, dessen 70. Wieder- kehr wir heute gedenken: den 8. Mai 1945. Er markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, den Zusammenbruch des natio- nalsozialistischen Regimes, das diesen Krieg entfesselt hatte, und den Untergang des ein Dreiviertel- jahrhundert zuvor von Bismarck gegründeten Deutschen Reiches. Zwölf Jahre lang hatten die Natio- nalsozialisten frenetisch die natio- nale Einheit der Deutschen be- schworen. Als ihre Herrschaft in einem Inferno ohnegleichen un- terging, war ungewiss, ob die Deutschen jemals wieder in einem einheitlichen Staat zusammenle- ben würden. In seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Rei- ches hat der damalige Bundesprä- sident Richard von Weizsäcker die Deutschen gemahnt, den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 zu trennen dem Tag, an dem Reichspräsident von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernann- te. Den 8. Mai 1945 aber gelte es, als das Ende eines Irrweges deut- scher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zu- kunft barg. Der Irrweg, von dem Weizsäcker sprach, hatte nicht erst 1933 begon- nen. Großen Teilen der deutschen Eli- ten, ja der Gesell- schaft insgesamt galt die erste deutsche Demokratie, die Repu- blik von Weimar, als ein Produkt der deutschen Niederlage im Ers- ten Weltkrieg, als die Staatsform der westlichen Siegermächte, als ein undeutsches System. Im Ersten Weltkrieg hatten be- kannte Professoren und Publizis- ten den Ideen der Französischen Revolution von 1789, also Frei- heit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die deutschen „Ideen von 1914“ gegenübergestellt: die Verherrli- chung eines starken, auf das Mili- tär gestützten Staates, der „Volks- gemeinschaft“ und eines angeb- lich „deutschen Sozialismus“. Als die parlamentarische Demo- kratie von Weimar im Frühjahr 1930 gescheitert war und Deutsch- land wenig später zu einem halb- autoritären Präsidialregime über- ging, konnte Hitler einerseits er- folgreich an die verbreiteten Res- sentiments gegenüber der westli- chen Demokratie appellieren und andererseits eine demokratische Errungenschaft des Bismarckrei- ches nutzen, die jetzt weithin ihrer politischen Wirkung beraubt war: das allgemeine gleiche Reichstags- wahlrecht, das seit der Revolution von 1918/19 nicht mehr nur den Männern, sondern auch den Frau- en zustand. Die Wahlerfolge der Nationalso- zialisten in der Endphase der Wei- marer Republik sind ohne die lan- ge Vorgeschichte der deutschen Vorbehalte gegenüber der westli- chen Demokratie nicht zu erklä- ren. Dasselbe gilt für die rasch wachsende Popularität, derer Hit- ler sich nach seiner sogenannten „Machtergreifung“ erfreute. Diese Popularität ging so weit, dass Hit- ler nach den Worten des briti- schen Historikers Ian Kershaw spätestens 1936 selbst „Gläubiger seines Mythos“ wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Führermy- thos zwar durch die Rückschläge im Krieg gegen die Sowjetunion seit dem Winter 1941/42 und dann vor allem infolge der Nie- derlage von Stalingrad Ende Janu- ar 1943 nachhaltig erschüttert, aber er erlosch nicht. Nach dem ge- scheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 erlebte dieser My- thos sogar vorüber- gehend eine gewisse Renaissance. Viel- leicht, so glaubten nun viele, war Hit- ler wirklich mit der Vorsehung im Bun- de und Deutschland nur durch ihn zu retten. Der deutsche Philosoph Ernst Cassirer, der im April 1945, weni- ge Wochen vor dem Kriegsende in Europa, im amerikanischen Exil starb, deutete in seiner letzten Schrift Der Mythus des Staates Hitlers politische Karriere als Tri- umph des Mythos über die Ver- nunft und diesen Triumph als Fol- ge einer tiefen Krise: „In der Poli- tik leben wir immer auf vulkani- schem Boden. Wir müssen auf ab- rupte Konvulsionen und Ausbrü- che vorbereitet sein. In allen kriti- schen Augenblicken des sozialen Lebens … sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellun- gen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher. In diesen Momenten ist die Zeit für den My- thus wieder gekommen. Denn der Mythus ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel … auf seine Stunde und Gelegen- heit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die … bindenden Kräfte im sozialen Leben des Men- schen aus dem einen oder ande- ren Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen Kräfte zu be- kämpfen.“ Angesichts von Ausbrüchen der Fremdenfeindschaft, wie wir sie in Deutschland in den letzten Mona- ten erlebt haben, und von antise- mitischer Hetze und Gewalt hier und in anderen europäischen Län- dern sind die Worte Cassirers von geradezu beklemmender Aktuali- tät. Sie mahnen uns, zu jeder Zeit die eigentliche Lehre der deut- schen Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 zu beherzigen: die Ver- pflichtung, unter allen Umstän- den die Unantastbarkeit der Wür- de jedes einzelnen Menschen zu achten. Die zweite, diesmal totale Nie- derlage Deutschlands im 20. Jahr- hundert erschütterte das Selbstbe- wusstsein der Deutschen ungleich stärker als die Niederlage von 1918. Es war nicht so, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen den Sieg der Alliierten im Mai 1945 als Befreiung erlebt hätte. Anders als die Völker, denen dieser Sieg die Befreiung von deut- scher Fremd- und Gewaltherr- schaft brachte, bedeutete der „Zu- sammenbruch“ des nationalsozia- listischen Regimes für viele Deut- sche zugleich den Zusammen- bruch ihres Glaubens an den „Führer“ und ihrer Hoffnungen auf einen deutschen „Endsieg“. Als Befreiung erlebten die bedin- gungslose Kapitulation zunächst nur die Deutschen, denen der ver- brecherische Charakter von Hitlers Herrschaft schon vorher bewusst geworden oder von jeher bewusst gewesen war. Als der vorläufige Rat der Evan- gelischen Kirche in Deutschland im Oktober 1945 im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ von einer „So- lidarität der Schuld“ zwischen Kir- che und Volk sprach, stieß das auch innerhalb der Kirche auf ver- breiteten Widerspruch. Als unan- gebrachte Bestätigung der alliier- ten These von einer deutschen „Kollektivschuld“ galt vor allem der Satz: „Durch uns ist unendli- ches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“ Vom schrecklichsten aller Menschheitsverbrechen des Natio- nalsozialismus, der Ermordung von etwa 6 Millio- nen europäischen Juden, war im „Stuttgarter Schuld- bekenntnis“ nicht ausdrücklich die Rede. Es sollten Jahrzehnte verge- hen, bis sich in Deutschland, nicht zuletzt dank der bahnbrechenden Forschungen von jüdischen Gelehrten wie Jo- seph Wulf, Gerald Reitlinger, Raul Hilberg und Saul Friedländer, die Einsicht durchsetzte, dass der Ho- locaust die Zentraltatsache der deutschen Geschichte des 20. Jahr- hunderts ist. Gleichzeitig wuchs eine andere Erkenntnis: Der von den alliierten Soldaten, nicht zu- letzt denen der Roten Armee, un- ter schwersten Opfern erkämpfte Sieg über Deutschland hatte die Deutschen in gewisser Weise von sich selbst befreit – befreit im Sin- ne der Chance, sich von politi- schen Verblendungen und von Traditionen zu lösen, die Deutsch- land von den westlichen Demo- kratien trennten. Kulturell war Deutschland im- mer ein Land des alten Okzidents, des lateinischen oder westkirchli- chen Europa, gewesen. Deutsch- land hatte an den mittelalterli- chen Gewaltenteilungen, der an- satzweisen Trennung erst von geistlicher und weltlicher Gewalt, dann von fürstlicher und ständi- scher Gewalt, sowie an den Eman- zipationsprozessen der frühen Neuzeit vom Humanismus über die Reformation bis zur Aufklä- rung teilgenommen und sie ent- scheidend mitgeprägt. Einigen we- sentlichen politischen Konsequen- zen der Aufklärung aber, den Ide- en der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, den Ideen der unveräußerlichen Menschen- rechte, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie, hatten sich maßgebliche deutsche Eliten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verweigert. Erst die Erfah- rung der deutschen Katastrophe der Jahre 1933 bis 1945, des Hö- hepunkts der deutschen Aufleh- nung gegen die politischen Ideen des Westens, entzog diesem Res- sentiment allmählich den Boden. Die Chance, eine zweite, diesmal funktionstüchtige und zur Selbst- verteidigung fähige parlamentari- sche Demokratie aufzubauen, er- hielt nach 1945 freilich nur ein Teil Deutschlands: die drei westli- chen Besatzungszonen, die spätere Bundesrepublik Deutschland, und der Westen des geteilten Berlin. Den Deutschen, die im anderen Teil des Landes lebten, blieb die politische Freiheit viereinhalb Jahrzehnte lang vorenthalten. Die fortschreitende Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der po- litischen Kultur des Westens und die Herausbildung einer selbstkriti- schen Geschichts- kultur gehörten un- auflöslich zusam- men. Es bedurfte teilweise heftiger wissenschaftlicher, publizistischer und politischer Kontro- versen, um diese Prozesse voranzutreiben. Von gro- ßer Bedeutung war in diesem Zu- sammenhang die Debatte über den maßgeblichen Anteil des deutschen Kaiserreiches an der Entstehung des Ersten Weltkriegs. Erst allmählich gelang es, die im- mer noch einflussreichen nationa- lapologetischen Deutungen der deutschen Geschichte zu überwin- den und der verbreiteten Neigung entgegenzuwirken, im deutschen Volk das erste Opfer Hitlers zu se- hen und sich selbst von jeder Mit- verantwortung für damals gesche- henes Unrecht freizusprechen. In- zwischen erinnern „Stolpersteine“, Gedenktafeln und Gedenkstätten in vielen deutschen Städten an jü- dische und andere Opfer des Na- tionalsozialismus – und das nicht aufgrund irgendwelcher staatli- cher Erlasse, sondern aufgrund von bürgerschaftlichen Initiativen. Oft sind es Schulklassen, die sich der Erforschung der Geschichte ih- res Ortes in der Zeit des sogenann- ten „Dritten Reiches“ widmen. Sehr zögernd nur kam die straf- rechtliche Aufarbeitung national- sozialistischer Kriegsverbrechen und namentlich der Schoah durch deutsche Gerichte, beginnend mit dem Ulmer Einsatzgruppen-Pro- zess von 1958, in Gang. Noch 1986 musste jene öffentliche Aus- einandersetzung geführt werden, die als „Historikerstreit“ in die An- nalen der bundesrepublikani- schen Geschichte eingegangen ist: eine Debatte über den histori- schen Ort des nationalsozialisti- schen Judenmordes – eines Geno- zids, der den britischen Kriegspre- mier Winston Churchill in einem Brief an seinen Außenminister An- thony Eden vom 11. Juli 1944 zu der Feststellung veranlasste: „Es besteht kein Zweifel, dass es sich hier um das wahrscheinlich größte und schrecklichste Verbrechen der ganzen Weltgeschichte handelt, DBT/AchimMelde In der deutschen Geschichte gibt es keine tiefere Zäsur als den Tag, dessen wir heute gedenken. Die Vision vom trikontinentalen Friedensraum aber wurde nicht verwirklicht.

Seitenübersicht