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PA_20-21 - Debattendokumentation

DOKUMENTATIONGedenkstunde zum Ende des 2. Weltkrieges vor 70 Jahren Prof. Dr. Norbert Lammert, CDU, Bundestagspräsident: Der 8. Mai ist Ende und Anfang zugleich gewesen Norbert Lammert (*1948) Bundestagspräsident D er 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung.“ Als Richard von Weizsäcker diesen Satz heute vor 30 Jahren im Deutschen Bundestag, im Bon- ner Plenarsaal, vortrug, durchaus nicht als Erster, aber mit der Auto- rität des Staatsoberhauptes, hat er damals keineswegs eine allgemein vorhandene Einsicht formuliert, aber eine veränderte Wahrneh- mung zum Ausdruck gebracht, die inzwischen von einer breiten Mehrheit der Deutschen geteilt wird. Am 8. Mai war ein Weltkrieg zu Ende, der von Deutschland, einer deutschen Regierung mit krimi- neller Energie begonnen und be- trieben wurde und der bis dahin mehr als 50 Millionen Menschen- leben gekostet hatte, darunter auch etwa 8 Millionen Deutsche. Heute vor 70 Jahren schwiegen in Europa endlich die Waffen, nach fast sechs Jahren, nach fürch- terlichen 2 077 Tagen. Die bedin- gungslose deutsche Kapitulation folgte der totalen Niederlage in ei- nem Krieg, dessen verbrecheri- schen Charakter die meisten Deut- schen zu spät erkannten und viele sich auch lange danach nicht ein- gestehen wollten. In London no- tierte zur gleichen Zeit Elias Ca- netti, der aus Wien emigrierte spä- tere Literaturnobelpreisträger: Es ist das Maß der Täuschung, in der sie – die Deutschen – gelebt haben, das Riesenhafte ihrer Illu- sion, das Blindmächtige ihres hoffnungslosen Glaubens, was ei- nem keine Ruhe gibt. Und er frag- te: Was bleibt von ihnen übrig? ... Was sonst sind sie ohne ihren furchtbaren militärischen Glau- ben? ... Wohin können sie noch fallen? Was fängt sie auf? Der Fall, den die Deutschen er- lebten, konnte tatsächlich nicht tiefer sein, politisch, ökonomisch und moralisch. Umso erstaunli- cher, dass unser Land trotz seiner Schuld aufgefangen wurde, von den Europäern, von Nachbarn, über die es so unvorstellbar großes Leid gebracht hatte, von einer Völ- kerfamilie, die nach diesem Krieg nicht mehr dieselbe war wie zu- vor. Diese Bereitschaft unserer Nachbarn zur Versöhnung ist his- torisch ebenso beispiellos wie die Katastrophe, die ihr vorausgegan- gen war. Wir gedenken heute der Millionen Opfer eines beispiello- sen Vernichtungsfeldzugs gegen andere Nationen und Völker, ge- gen Slawen, gegen die europäi- schen Juden. Der 8. Mai ist des- halb für den ganzen Kontinent ein Tag der Befreiung gewesen – er war aber kein Tag der deutschen Selbstbefreiung. Auch wenn wir die gescheiterten Versuche mutiger Deutscher im Widerstand nicht vergessen wollen und werden, gel- ten unsere Gedanken und unser Respekt heute vor allem denen, die unter unvorstellbaren Verlus- ten die nationalsozialistische Ter- rorherrschaft beendet haben, so- wohl in den Reihen der westlichen Alliierten als auch aufseiten der Roten Armee. Ich möchte Ihnen, Herr Bundes- präsident, sicher im Namen des ganzen Hauses, danken – auch der Bundeskanzlerin und dem Außen- minister – für die demonstrativen Besuche, Gesten und Reden in die- sen Tagen auf Soldatenfriedhöfen und in früheren Konzentrationsla- gern. In den letzten Tagen des Krieges hatten sich die sowjeti- schen Truppen in Berlin auf die Eroberung des Reichstagsgebäudes konzentriert, das nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 allerdings in den Jahren der natio- nalsozialistischen Herrschaft längst nicht mehr Sitz eines Parla- mentes war und dies auch erst fünf Jahrzehnte nach Kriegsende wieder werden konnte. Als das nach der Wiedervereinigung mög- lich war, haben wir viele der Graf- fiti, die sowjetische Soldaten im Mai 1945 hier im Reichstagsge- bäude angebracht hatten, ganz be- wusst restauriert und konserviert als authentische Symbole für das Ende des Krieges und die Chance des Neuanfangs, die damit ver- bunden war. Der 8. Mai ist Ende und Anfang zugleich gewesen. Befreiend wirk- te der 8. Mai eben auch, weil erst das Kriegsende einen Neubeginn ermöglichte, neue Handlungsfrei- heiten schuf, um die Zukunft an- ders und besser zu gestalten. Auch die- ser Neuanfang war von den Folgen des Weltkrieges belas- tet: Der Charta der Vereinten Nationen und dem ehrgeizi- gen Projekt, den ge- scheiterten europäi- schen Nationalis- mus in einer Union der Staaten zu überwinden, standen die atomare Konfrontation in einer bipolaren Welt, die jahrzehntelange Teilung unseres Kontinents, auch unseres Landes, gegenüber. In den westlichen Besatzungszo- nen zogen die Deutschen antitota- litäre Konsequenzen, Lehren aus der Vergangenheit und haben da- mit zunächst getrennt und schließlich gemeinsam den langen Weg nach Westen beschritten. So haben Sie, verehrter Herr Winkler, die Konsequenzen des Kriegsendes in der Bundesrepublik auf den Punkt gebracht. Gerade weil der 8. Mai kein Tag der deutschen Selbstbefreiung war, wurde die Auseinanderset- zung mit der eigenen Vergangen- heit zum schmerzhaften Prozess der inneren Befreiung nicht etwa, um sich frei zu machen von der Geschichte, im Gegenteil: um sich dieser Geschichte zu stellen, selbst da und gerade da, wo das nur schwer auszuhalten ist. Nur im Bewusstsein unserer bitteren Er- fahrungen davon sind wir über- zeugt können wir Gegenwart und Zukunft politisch verantwortungs- voll gestalten, der Freiheit und dem Frieden in der Welt dienen. Im vergangenen Jahr haben Sie, lieber Herr Winkler, deutlicher als manche andere darauf hingewie- sen, dass wir in Zeiten weltpoliti- scher Zäsuren leben, dass aus der Geschichte gewonnene, als unum- stößlich geltende Überzeugungen erneut ins Wanken geraten sind. Ich danke Ihnen für Ihre Bereit- schaft, aus der Perspektive eines Historikers wie eines engagierten Staatsbürgers zu erläutern, was an- gesichts der aktuellen Herausfor- derungen der 8. Mai für uns be- deutet. Zuvor hören wir den 2. Satz von Joseph Haydns C-Dur-Streichquar- tett, op. 76 Nr. 3 eine eher melan- cholische Folge von Variationen über ein Thema, das nicht nur Musikfreunden in der ganzen Welt längst vertraut ist. Haydn hatte die getragene Melodie während der Revolutionskriege gegen Frank- reich 1797 als Huldigung des österreichischen Kaisers und im Kontrast zur kämp- ferischen Marseil- laise komponiert. Später, im soge- nannten „deut- schen Vormärz“ zwischen Hamba- cher Fest und Frankfurter Natio- nalversammlung unterlegte sie Hoffmann von Fallersleben mit Versen, die den leidenschaftlichen Aufbruch zu nationaler Einheit und demokratischer Verfassung zum Ausdruck brachten. In der wechselvollen Geschichte, die die- ses „Lied der Deutschen“ dann nahm, spiegelt sich, was Heinrich August Winkler in seinem längst zum geflügelten Wort avancierten Standardwerk nachgezeichnet hat: der lange Weg nach Westen, das heißt die Umwege und Irrwege der Deutschen, von der Hybris des na- tionalistisch missverstandenen „Deutschland, Deutschland über alles“ über die nationalsozialisti- sche Perversion bis hin zum repu- blikanischen „Einigkeit und Recht und Freiheit“ und damit zu den Leitprinzipien des demokrati- schen Deutschlands, das seit sie- ben Jahrzehnten in Frieden und Freiheit mit seinen Nachbarn lebt. Dafür sind wir dankbar, und dafür bleiben wir unseren Nachbarn, Freunden und Partnern immer verpflichtet. (Beifall) ©DBT/AchimMelde Das Plenarprotokoll und die vorliegenden Drucksachen sind abrufbar unter: http://dip21.bundestag.de/dip21.web/bt Der Deutsche Bundestag stellt online die Übertragungen des Parlamentfernsehens als Live-Video- und Audio-Übertragung zur Verfügung. www.bundestag.de/live/tv/index.html Umso erstaunlicher, dass unser Land trotz seiner Schuld auf- gefangen wurde. Der Plenarsaal während der Gedenkstunde © Deutscher Bundestag/Achim Melde terlichen 2077 Tagen. Die bedin-

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